X. Ocarinafestival in Budrio 25.-28. April 2019 - Tag 2

26.4.2019

Heute ließ ich mir vom schwedischen Okarinabauer Dag Hultcrantz die Griffsysteme seiner Okarinas zeigen. Unter anderem baut er Pendant-Okarinas mit einer Variante des Englisch Crossfingerings. Er hat die Positionen der Grifflöcher verdreht. Wenn man das normale Fingering gewöhnt ist, fühlt sich das eigenartig an. Beim ersten Versuch, dieses System zu spielen, hatte ich das Gefühl, ich bekomme gleich einen Knoten in die Finger. XD Aber wenn sich das Bewegungsgedächtnis nach und nach daran gewöhnt, wird es recht bald einfacher.  Ich wählte einen Vögel mit kugeligem Bauch, um Zuhause mit diesem System weiter experimentieren zu können.

Dies ist seine Duett-Okarina. Sie ist gut abgestimmt. Die Harmonien klangen sehr schön.

Der Vormittag war in Budrio ziemlich ruhig, weil viele Festivalteilnehmer nach Bologna gefahren waren. Bei herrlichem Sonnenschein präsentierten die Musiker ihr Programm auf dem Platz am Neptunbrunnen. Ich blieb lieber in Budrio und nutzte die Ruhe für Gespräche mit Okarinabauern.
War das schön, Patrizia und Claudio nach zwei Jahren wiederzusehen! :-) Auf Claudio Colombos (clacol ocarinas) Tisch fand ich eine C1 10L-Travers, die durch  überblasen  1,5 Töne weiter nach oben reicht. Der Tonraum ist also  C6 -> C7-> As7 (=Ab7)

Bei Patricia Piodella gefiel mir eine 6-Loch Pendant in E mit einer Variation des English Crossfingering. Die beiden großen Daumenlöcher sind so gestimmt, dass man bis zur 11. Stufe hinauf kommt. Die 6-L im asiatischen Stil reichen bis zur 10., die Instrumente im englischen Stil bis zur 9. Stufe. Patrizias 6-L war also ein Muss für meine Sammlung, damit ich Zuhause weiter experimentieren und herausfinden kann welche weiteren Griffe aufgrund dieser Änderung möglich werden.

Ach, es gab sooo viel zu sehen und zu testen! Viel zu viel, um alles zu schaffen! Gut, dass ich zum Stöbern in Budrio geblieben war!

Ein Instrumentenbauer aus Portugal hatte nicht nur Okarinas und Wasserpfeifchen sondern auch verschiedene Percussioninstrumente auf dem Tisch liegen. Seine Bambusklappern machten mir so viel Spaß, dass eine davon in meinen Rucksack wanderte :-) . Die von Inocêncio Tiago Casquinha demonstrierte Spieltechnik bekam ich nicht hin, fand dafür aber eine andere, die auch meinen Schülern gelingt. Das Teil ist klasse. Casquinha nennt sie Bambuscastagnetten.

Einen Stand weiter fand ich die hübschen Pfeifchen und Miniokarinas von Davide Vivaldi. Er präsentiert seine Schmuckstücke in einem Kasten, aus dem sich Schubladen in verschiedene Richtungen herausziehen und ausklappen lassen. Der allein war schon sehenswert! Aus seinem reichhaltigen Angebot fischte ich einen schwarz-weißen Anhänger, auf dessen 4 Löchern sich kleine Melodien pfeifen lassen. Haha! Das macht Spaß! Man muss nur erst herausfinden, wie man so ein kleines Ding beim Spielen hält. Zuerst kam ich damit nur bis zur 7. Stufe. Sobald ich aber die richtige Blasdruckkurve heraus hatte, gelang mir damit die Dur Tonleiter von 1 bis 8. Das Griffsystem  basiert auf dem English Crossfingering, wird aber mit den Daumen und Zeigefingern gespielt. Dadurch fühlt es sich anders an. Seine größeren 4-Loch Okarinas werden mit dem bekannten English Crossfingering gespielt. Ob die Okarinas, auf deren Vorderseite 4 und 6 Grifflöchern zu sehen sind auch noch ein oder zwei weitere Löcher für die Daumen haben, vergaß ich leider nachzusehen.

Markus Felsner bot liebevoll gestaltete Flötensteine / Flute Stones an, die er im englischen 4-Loch-System stimmt.

Jade Everett bereicherte mit neuem Design das Okarinaangebot. Da ich auf der Suche nach C1 Okarinas war, die sich überblasen lassen, testete ich als erstes ihre kleinen Instrumente. Alle haben ein Subhole (>11L Ocarina). Leider fand ich für mich keine passende. Sehr schade, denn ihr Klang gefiel mir sehr gut!

Bei Olivier Gosselink fielen mir die wunderschönen Double- und Triple Ocarinas auf. Die hatte er 2017 noch nicht dabei. Auch auf seiner Webseite zeigt er diese Okarinas erst seit diesem Jahr. Er entschied sich für das Pacchioni-System, das dem Musiker einige Vorteile bringt, die mir persönlich sehr gut gefallen. Die Instrumente liegen mir gut in der Hand. Die durch lange Linien gegliederte Oberfläche bietet den Fingern eine gute Orientierung. Auf seiner neu gestalteten Webseite findet man diese Okarinas hier: > klick < Dort schreibt Gosselink (Übersetzung E. Stennes-Falter):

Mehrkammer-Okarinas erhöhen die Reichweite der Okarina, die aufgrund ihrer akustischen Eigenschaften (Helmholtz-Resonator) nicht in die Oktave überblasen werden kann.
Wenn Sie ein oder zwei zusätzliche Kammern hinzufügen, können Sie mehr als eineinhalb Oktaven (von Si bis La) oder mehr als 2 Oktaven (von Si bis Do) spielen. Einige Noten stimmen in den Kammern überein. Diese Überlappungen der Tonräume ermöglichen zweistimmiges Spiel.
Die Schwierigkeit der Mehrkammer-Okarinas besteht darin, geschickt zwischen den Kammern zu hin und her zu wechseln.
Ich entschied mich für die verwendung des Griffsystems, das von Giorgio Pacchioni (Komponist, Musiker und Okarinabauer) entwickelt wurde. Es ist logischer und intuitiver als die Mehrkammersysteme aus Asien. Es minimiert auch den Unterschied in der Klangfarbe zwischen den Kammern.

Leider entging mir, dass Olivier Gosselink Picolo Ocarinas (C1) mit einem 9-Loch System baut, die sich überblasen lassen.  Auf seiner Webseite kann ich sie momentan nicht finden, nur in seiner Videosammlung.

Die von David Hickman präsentierten Neuheiten waren der Prototyp einer DAC und ein paar Vorabdrucke seines Buches. Die drei Exemplare seiner neuen Bass-Okarina in D (D5) interessierten mich besonders. Die D5 (Grundton D4) ist eine sehr wichtige Ergänzung für meine Sammlung. Es ist meine erste Okarina in dieser Stimmlage.

Die bunte Vielfalt der Okarinas von "ocarinamusic" / Johann Rotter wurde dieses Jahr durch einige Instrumente aus dem Museumsverkauf ergänzt. Davon interessierte mich vor allem die C7 von Giorgio Pacchioni. Ufff! Ist die groß und schwer! Das war nichts für meine Hände!

Giorgio Pacchioni baute in seinem Workshop auf Wunsch der Teilnehmer Single Chamber Ocarinas. Es war spannend, dabei zuzusehen. Er zeigte die verschiedenen Arbeitsschritte und dann formten die Teilnehmer mit seiner Unterstützung ihre Instrumente selbst. Und das kam dabei heraus:

Vor ein paar Monaten hatte ich bei Giorgio Pacchioni eine Sib3 Okarina bestellt. Heute wurde sie mir vom Meister persönlich überreicht. Sie klingt wunderschön!

Das Nachmittagsprogramm konnte ich nur teilweise schaffen.

 

16:00Uhr Konzert im Kulturzentrum "Torri dell'Acqua", Budrio

Henry Bransdorfer (USA)
Ensemble Ocasci (Japan)
Marha P. Ramirez Carrero (Kolumbien)


17:30 Uhr Konzert im Kulturzentrum "Torri dell'Acqua", Budrio

Emilano Bernagozzi (Ocarina), Matteo Forlani (Piano), xx (Cello)
- mit verschiedenen Okarinafreunden
Kim Junho (Japan)
Lee Jeongmi / Park Soohyang (Corea del Sud)
David Ramos (USA)

 

Ich hätte die Musiker vom ersten Konzert gerne erlebt, aber ...

 

Im 17:30h Programm spielte Emiliano Bernagozzi mit zwei seiner inzwischen erwachsenen Schüler. Es ist immer wieder ein Genuss, ihnen zuzuhören. Die zwei Sonaten von Leonardo Leo, einem Zeitgenossen Bachs, waren ursprünglich für die Flöte gedacht. Emiliano Bernagozzi arrangierte sie für Ocarina, Spinett (E-Piano, Matteo Forlani) und Basso Continuo (Cello, Luca Dondi )

Der junge Pianist und Komponist Matteo Forlani und Emiliano Bernagozzi begleiteten auch den japanischen Okarinafreund Kim Junho. Kim Junho demonstrierte auf beeindruckende Weise, dass es niemals zu spät ist, ein Instrument zu lernen! Der 73 jährige Herr entdeckte die Okarina gerade mal vor 2 Jahren für sich. Seitdem hat sich - so Fabio Gallianis Bericht in der Anmoderation - das Leben von Kim Junho völlig geändert. Er übt 4 Stunden täglich, 2 Stunden vormittags und 2 Stunden nachmittags. Das Okarinaspiel gab seinem Tagesablauf neue Inhalte und Struktur. Die Vorbereitung auf das Okarinakonzert in Budrio war für ihn ein sehr wichtiges Ziel. Diese Aufgabe meisterte Kim Junho mit Bravour. Klasse!

Bevor David Ramos mit einer schönen Auswahl seiner Solostücke das Programm beschloss, spielten die Damen aus Südkorea Lee Jeongmi und Park Soohyang in wechselnden Besetzungen; unter anderem ebenfalls mit Emiliano Bernagozzi und Matteo Forlani.

Nach dem Konzert präsentierte Fabio Galliani eine besondere Triple Okarina, die sein chinesischer Freund Zong Pei Zhang für ihn gebaut hat. Sie hat ein interessantes Griffsystem, das durch Überlappung des Tonraums die Kammerwechsel reduziert und Triller ermöglicht, die auf einer normalen asiatischen Triple nicht gut spielbar sind. Die Idee klingt vertraut und erinnert mich an das Pacchioni-System, ist bei diesem Instrument aber anders umgesetzt. Momentan wird die Webseite des Okarinabauers aktualisiert.  www.ocarina.com.cn Für Informationen kann man sich aber auch an ZongPei Zhang persönlich wenden: zongpei@189.cn

Allmählich wurde es Zeit, den Rucksack ins Hotel zu bringen und sich für das Abendkonzert frisch zu machen.

Vorher hüpfte ich aber noch schnell in die Austellung, die Pfeifen-Skulpturen des Künstlers Diego Poloniato zeigte.  Waren die schön! Bei einigen ließ ich mir zeigen, wie sie funktionieren. Faszinierend!

An den Wänden hingen Bilder und Fotografien, die offensichtlich Vorbilder für die Skulpturen waren. Figuren der Commedia dellarte waren zu erkennen und seltsam gestaltete Karnevalswagen. Oh, da hätte ich etwas mehr Zeit gebraucht, um mir die Figuren erklären zu lassen. Für die Schachfiguren bedurfte es keiner Erklärung. Lustige Idee, lauter Pfeifen auf das Schachbrett zu stellen!

Der im Zentrum von Budrio startende Shuttlebus ließ uns vor unserem Hotel zusteigen. Das war sehr angenehm und ersparte den Rückweg ins Zentrum.

Abenddämmerung und Beleuchtung der Accademia dei Notturni zauberten bei unserer Ankunft eine wunderschöne Stimmung.

Nach einem etwas hektischen Abendessen in der Taverna ging es dann gegen 21:00h los. Das Programm startete mit der Molinella Ocarina Group (Italien). Dann folgten die japanischen Gruppe "Ocarina Seven" und Nancy Rumbel (USA) begleitet vom Gitarristen Antonio Stragapede (Italien). Stragapede ist Mitglied der "Osteria del Mandolino" (Italien), deren folkloristisches Programm den Abend mit humorvollen Einlagen zu einem sehr vergnüglichen Abschluss brachte.
Während dieses Abendkonzerts hörte ich Nancy Rumbel zum ersten Mal live spielen. Sie hat mich mit ihrer Musik ganz besonders verzaubert. Das anspruchsvolle Programm war sehr abwechslungsreich und die Zeit verflog nur so. Im Nu war es 23:00h.

Als uns der Shuttlebus wieder am Hotel auslud, dürften es ca 23.45 gewesen sein. Ich plumpste totmüde ins Bett und schlief ruckzuck ein.