Eine 6-Loch Pendant mit dem Tonraum einer Travers-Okarina

(c) Elisabeth Stennes-Falter

Im Frühjahr besuchte ich das Ocarinafestival 2019 in Budrio, Italien. Dort gab es eine Menge zu entdecken. Das, was mich besonders interessiert, die Griffsysteme, war in der großen Vielfalt nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Obwohl ich mir viel Zeit zum Stöbern genommen hatte, bin ich mir sicher, dass ich längst nicht alle interessanten Dinge gefunden habe. Bei der Aufbereitung aller gesammelten Informationen entdeckte ich noch so manches, was ich gerne genauer in Augenschein genommen hätte.

Um so glücklicher bin ich, dass ich ganz intuitiv eine schöne 6-Loch Pendant aus dem vielfältigen Angebot von Patrizia Piodellas dekorierten Clacol Ocarinas herausgepickt habe.

Da liegt sie noch auf dem Tisch. Auf dem ersten Blick sah sie aus, wie eine ganz normale Pendant-Okarina. … interessant?

… überraschende Entdeckung …
Eine besonders schöne Farbe verlockte mich, eine der Pendants in die Hand zu nehmen und näher zu betrachten. Dabei fielen mir die ungewohnten Proportionen der Daumenlöcher auf. Beide sind groß, haben jedoch einen deutlichen Größenunterschied. Hmmmm ... Wie sich das wohl auf die Tonleiter auswirkt? …

Tonraum und Griffsystem
Neugierig testete ich das Instrument an … Oh! Mit einem Wechselgriff der Daumen kommt man bis zur 11. Stufe, also genauso weit, wie mit einer 10-Loch-Travers-Okarina. Das begeisterte mich!
Hier noch einmal die Grifftabelle. Dieses Mal mit Notennamen und Transpositionsliste.

Gestimmt ist diese ziemlich kugelig gearbeitete Pendant-Flöte mit der Nummer 7 in E. Das ist eine gute "Gitarrentonart" und somit eine perfekte Okarina für eine gemütliche Lagerfeuerrunde.
Sie lässt sich "unterblasen", das bedeutet, dass man durch Absenken des Blasdrucks einen gut klingenden Halbton unter den Grundton der Okarina kommt. Mit diesem Tonvorrat von Es5/Dis5 bis A6 (auf einer C-Okarina wäre das H4 bis F6) kann man ein ziemlich großes Repertoire spielen.


Wie bei allen anderen 6-Loch English Crossfingering Pendants, die mit 2 großen Daumenlöchern arbeiten, sind auch bei dieser Okarina die beiden rechten vorderen Grifflöcher so gestimmt, dass der 8. Ton ausreichend hoch intoniert werden kann, ohne zusätzlich ein kleines Daumenloch zu öffnen. Diese weite Öffnung der beiden rechten vorderen Grifflöcher bewirkt üblicherweise, dass die Töne b und h sachte angeblasen werden müssen. Ansonsten gerät man bei der Intonation leicht etwas zu hoch.
Wer lieber mit stärkerem Blasdruck spielt, kann die Intonation korrigieren, indem er für das h den b-Griff wählt und für das b beide rechten Fingerlöcher schließt. Dieser alternative Griff für das b
(englisch Bb) kommt im englischen Kreuzgriffsystem (English crossfingering) normalerweise nicht vor. Wie gut diese Alternative funktioniert, muss man individuell erproben.
Dieses Intonationsproblem ist allgemein bekannt. Manche Okarinabauer ziehen es daher vor, 6-Loch Okarinas mit einem kleinen Daumenloch (Langley, Riley, Gosselink, Oberon) zu bauen. Der Tonraum ist dann zwar kleiner (er reicht dann nur bis zur None/9. Stufe), dafür lässt sich das Instrument aber so intonieren, dass der Spieler die Töne leichter trifft und man für die tiefsten chromatischen Stufen das kleine Daumenloch zur Hilfe nehmen kann. Diese Vorteile vermisse ich in keiner Weise bei der Clacol 6-Loch Pendant. Im Gegenteil. Ich finde es prima dass ich mit ihr denselben Tonraum habe, wie auf einer 10-Loch Travers-Ocarina. Und wenn ich das rückwärts gerichtete Fenster Richtung Kinn ziehe, komme ich bis zu einer Terz unter den Grundton. Das entspricht dann dem Tonraum einer 12-Loch Travers Okarina.


Claudio Colombo hat diese Okarina sehr gut intoniert. Die beim Grundton der Okarina startende Dur-Tonleiter lässt sich mit mittlerem Blasdruck und kaum ansteigender Blasdruckkurve spielen und erzeugt dabei einen angenehmen vollen Ton. Nimmt man die 4. Stufe als Grundton (bei einer C-Okarina das F), muss auf die von dort aus gerechnete 4. Stufe aufpassen. (Bei einer C-Okarina das Bb der F-Dur-Tonleiter). Claudio Colombo hat für die Intonation dieses Tones einen guten Kompromiss gefunden. Man muss lediglich darauf achten, dass man die Blasdruckkurve flach hält, dann funktioniert auch diese Tonleiter gut.


Experimente
Mit den beiden großen Daumenlöchern kann man tonale Experimente machen. Öffnet man eines der Daumenlöcher, lassen sich mit den Löchern der Vorderseite kurze Tonleitern mit Mikroschritten spielen.
Wenn alle Grifflöcher geschlossen sind, sind mit dem großen Daumenloch Slidingeffekte mit der Spanne einer kleinen Sexte möglich. Mit dem kleinen Daumenloch funktioniert das mit engerem Spielraum ebenfalls. Je mehr Löcher der Vorderseite geöffnet werden, um so kleiner wird die Tonraumspanne für das Sliding.


Windkanal und Luftverbrauch
Der enge Ausgang des Windkanals sorgt für sparsamen Luftverbrauch. Dadurch gelingen mit gestützter Atmung auch lange Melodiebögen ohne Anstrengung.


Material
Claudio Colombo arbeitete diese Okarina aus orange brennendem Ton. Die Brenntemperatur ist so gewählt, dass der Ton saugfähig bleibt und bei Bedarf ein nachträgliches Feintuning möglich ist. So kann der Ton die beim Spielen entstehende Kondensfeuchtigkeit abtransportieren.


Patrizia Piodella dekorierte diese Okarinas liebevoll mit einer Kaltglasur. Die glänzende Oberfläche ist angenehm griffig und schützt den offenporigen Ton vor Griffrändern. Im ersten Moment dachte ich, die Okarina sei glasiert. Die Farbe des Tons verrät jedoch, dass die Okarina nicht im Glasurbrand war.

Resumé

Inzwischen ist die Okarina ein paar Monate in meinem Besitz. Sie gehört zu denen, die ich immer wieder mal gerne heraus hole, um ein paar Melodien darauf zu spielen.
Jetzt brauche ich nur noch irgendetwas, womit ich diese schöne Okarina umhängen kann, damit sie lagerfeuer- und wandertauglich wird. Mal sehen, was mir dafür einfällt.

Die Okarina macht mir viel Freude und ist eine schöne Erinnerung an zwei nette, kreative Menschen!