Emilio CESARI - Italienische Ocarinas aus Budrio und San Remo

Kürzlich konnte ich eine "Cesari" erhaschen, gebaut im Stile der Ocarina di Budrio. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde sie aber von Emilio Cesari in San Remo gebaut.

Aber der Reihe nach ...

 

Als erstes möche ich mich ganz besonders bei Fabio Galliani, dem Direktor des Okarinamuseums in Budrio, für die Unterstützung meiner Recherchen bedanken. Bereits in den Jahren 2017 und 2019 hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit, in Budrio im Rahmen des Okarinafestivals Studienmaterial über Cesari-Instrumente zu sammeln.  Die von Fabio Galliani erarbeiteten Informationstafeln im Ocarinamuseum von Budrio waren bei meinen Recherchen eine besonders wichtige Quelle. Vielen Dank für Deine Unterstützung, Fabio! Darüber hinaus lieferte auch die Kurzbiografie in dem Artikel "La storia dell'ocarina" auf https://www.ocarina.it/storia.html  wichtige Hinweise. Vielen Dank an Fabio Menaglio, der seit 1989 die Tradition der Ocarina di Budrio fortsetzt.

 

Kurzbiografie

Der Musiker und Okarinabauer Emilio Cesari wurde am 29.12.1888 in Budrio geboren. Er zählt zu den Herstellern der "Ocarina di Budrio" und ist ein Zeitgenosse seiner berühmten Vorgänger:

- dem aus Budrio stammenden Erfinder der Italienischen Travers-Ocarina Guiseppe Donati (*1836 +1925)

- und dem Entwickler der ersten Doppia, Cesare Vicinelli (*1841 +1920), der ebenfalls in Budrio geboren wurde.

 

Es war 1919, als sich der 30-jährige Emilio Cesari mit dem 79-jährigen Cesare Vicinelli zusammen tat, um ihn in Budrio beim Okarinabau zu unterstützen. Doch leider endete die Zusammenarbeit bereits wenige Monate später. Cesare Vicinelli verstarb 1920. Emilio Cesari richtete sich daraufhin in Budrio eine eigene Werkstatt ein, in der er von 1920 bis 1927 Okarinas herstellte. Dann siedelte er nach Bologna um.

 

Von 1925 bis 1927 leitete der diplomierte Hornist und Berufsmusiker Emilio Cesari die von ihm neu organisierte Okarinagruppe von Budrio (GOB) und wurde dadurch auch ein erfahrener Okarinaspieler.

 

In Cesare Vicinellis Werkstatt hatte Emilio Cesari die Produktion der Okarina mit Hilfe von Pressvorrichtungen kennengelernt. Die von Cesare Vicinelli eingeführte Maschine und etwas Zubehör sind heute im Ocarinamuseum Budrio zu finden. Mit ihrer Hilfe gelang es, höhere Stückzahlen zu produzieren, um den Exportmarkt bedienen zu können.

Ich fand einen vagen Hinweis, dass Emilio Cesare später eine eigene Weiterentwicklung der Pressmaschine nutzte. Wenn ich genaueres erfahre, werde ich davon berichten.


Emilio Cesari war in erster Linie Berufsmusiker. Sein Diplom für French Horn erwarb er am Konservatorium in Bologna. Darüber, ob er in der Zeit, in der er in Bologna lebte, Okarinas baute oder nicht, fand ich keine Auskunft. Nachdem er als Preisträger eines Wettbewerbs ein Engagement beim Orchester des Casino von San Remo erhalten hatte, siedelte er 1929 nach San Remo um. Dort richtete er sich wieder eine kleine Okarinawerkstatt ein und - so heißt es in einer der Quellen - nahm die Okarinaprodunktion 1940 wieder auf. Als er für seine gut gestimmten Instrumente mehr und mehr internationale Abnehmer fand, entwickelte sich der Okarinabau zu seinem zweiten finanziellen Standbein.

 

Instrumente

Meine Cesari-Okarina ist ein Beleg für Cesaris Okarina-Exporte nach Deutschland. Der Vorbesitzer berichtete mir, dass sein Vater sie in  den 1960ger Jahren bei einem Leverkusener Musikalienhändler "Musik Koch" gekauft hatte. Da Cesari am 30.3.1962 mit 73 Jahren in San Remo verstarb, wird meine Cesari Okarina vermutlich spätestens 1961 entstanden sein.

Beschreibung

Die Okarina ist aus feinem ockerfarben brennenden Ton geformt. Die braune Lasur ist dünn und durchscheinend. In der Sonne changieren die Farben von leuchtend Ockergelb bis zu einem warmen Rotbraun. Die Okarina ist nicht glasiert.

Der Körper der Okarina hat eine lang gestreckte Form. Die Kuppe (Capella) am linken Ende der Okarina ist kegelförmig. Das schräg angesetzte Mundstück sorgt für eine gute Bewegungsfreiheit der rechten Hand.

 

Der auf dem Mundstück eingedrückte Stempel ist ziemlich gut lesbar. Die Inschrift lautet: DITTA CESARI EMILIO. Von Kevin Wright (Okarinasammler und Okarinabauer in den USA) erhielt ich Fotos, auf denen der Stempel einer identischen Cesari Okarina das Wort EMILIO viel klarer zeigt und damit meine Deutung des auf meinem Exemplar schlecht lesbaren Stempelteils bestätigt. 

DITTA bedeutet so viel wie Manufaktur, Werkstatt oder Firma.

Im Innenkreis des Stempels sieht man ein Kreuz. Was es damit auf sich hat, ist mir bislang nicht klar.

Ein weiterer Stempel auf dem Mundstück verweist auf den Grundton Do. Auf eine Stimmlagenbezeichnung - das wäre eine Ziffer vor oder hinter Do - verzichtet Emilio Cesari.


Die gleichmäßigen Abstände der rechten Grifflöcher sind angenehm zu halten. Zwischen meinen Fingern ist so viel Platz, dass ich annehme, dass auch breite, kräftige Hände mit diesem Okarinamodell gut zurecht kommen können.
Der Abstand zwischen dem linken Kleinfingerloch und dem linken Ringfingerloch ist für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Da ich kleine Hände habe, bevorzuge ich Okarinas, die an dieser Stelle keinen vergrößerten Abstand aufweisen.

 

Die Vermutung liegt zwar nahe, dass diese Okarina Ende der 1950ger bis spätestens 1962 entstand, aber sie sieht aus wie ein Okarinamodell aus dem Okarinamuseum in Budrio, das während der kurzen Zusammenarbeit mit Vicinelli 1919 oder 1920 entstanden sein soll. Möglicherweise ist das also eine Okarinaform, die Cesari trotz aller Modeströmungen kontinuierlich beibehalten hat.

 

 

Bespielbarkeit
Dieses Instrument ist für eine am Ende stark ansteigende Blasdruckkurve ausgelegt. Dadurch hat sie einen kraftvollen Klang mit viel Durchsetzungsvermögen. Die obersten Töne gelingen zwar ohne Acute Bend, klingen mit dieser Technik aber leichter und klarer. Die Kontrolle mit einem Stimmgerät zeigt, dass die tiefsten Tone mit sehr sanftem Blasdruck gespielt werden müssen. Sonst ist man schnell 1/4 Ton oder mehr zu hoch. Ein Unterblasen des Grundtons ist zwar möglich, jedoch ist der sich dabei ergebende Leitton sehr schwach. Ich gehe daher davon aus, dass dieser beim Stimmen dieser Okarina nicht berücksichtigt wurde. Die Tonraumspanne dieser 10-Loch-Travers-Okarina in do reicht daher von C5 bis F6.

Betrachtet man die Grifflöcher, fallen die unterschiedlichen Größen auf. An diesen lässt sich ablesen, wie die Okarina intoniert wurde. In der rechten Hand erkennt man zwei auffallend kleine Löcher. Diese haben zum einen großen Einfluss auf den Verlauf der Blasdruckkurve (im unteren Teil nur wenig ansteigend) und zum anderen bestimmen sie die Griffweise der chromatischen Töne.

Der enge Windkanal erleichtert das Spiel großbogiger Melodien.

Die saubere Intonation qualifiziert die Cesari als Konzertokarina.

 

Für mich ist diese Okarina trotz ihrer unbestreitbaren Qualitäten schwer zu spielen. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen bevorzuge ich normalerweise eine etwas flachere Blasdruckkurve und zum anderen bin ich eine andere Anordnung der Grifflöcher gewöhnt. Dadurch fielen meine linken Finger zu Beginn häufig neben die Löcher. Mittlerweile konnte ich mich darauf schon etwas einstellen, aber das Spiel geht mir damit nicht so locker flockig von der Hand wie normal. Trotzdem bin ich sehr froh, diese Okarina in meiner Sammlung zu haben. Schließlich ist sie ein Stück Okarinageschichte! Aber es gibt noch einen wichtigeren Grund für mich. Blasdruckkurve und Form dieser gut intonierten Okarina ergeben ein spezielles Spielgefühl und einen speziellen Klang. Beides kann ich nun mit dem von anderen Okarinas vergleichen und immer besser verstehen, warum Okarinabauer Instrumente anderer Hersteller zu Studienzwecken sammelten.

Das Beispiel veranlasst mich, daran zu erinnern:

Wer noch auf der Suche nach seiner Lieblingsokarina ist, braucht Geduld. Man muss viel ausprobieren und vergleichen. Und deshalb legen manche Okarinaspieler/-innen große Sammlungen an. Ich habe es etwas anders gemacht. Ich nutzte die Treffen mit den Okarinabauern auf den Okarinafestivals, um Erfahrungen mit den verschiedenen Spieleigenschaften von Traversokarinas zu machen, die Okarinabauer ihren Instrumenten mitgeben. Das führte mich glücklicherweise sehr schnell zu meinen Lieblingsokarinas. Die ein oder andere Okarina sammele ich aber trotzdem noch, weil ich  als Instrumentallehrerin verstehen möchte, woher die Schwierigkeiten kommen, wenn Schüler mit ihrem Instrument mal mehr und mal weniger Probleme haben. 

 

Aber zurück zu Cesaris Arbeit.

Die im Okarinamuseum von Budrio zu findenden Exponate geben einen kleinen Einblick in Emilio Cesaris Einfallsreichtum. Die  Informationstafel weist darauf hin, dass er bei der Gestaltung seiner Okarinas häufig modische Strömungen aufgriff.

Okarinas in Form einer Pistole stammen aus den Kriegsjahren. Sie werden als Spielzeug angesehen. Auf der Oberseite findet man nicht 8, sondern nur 7 Grifflöcher. Das sind dann entweder 9-Loch oder 8-Loch-Okarinas. Der Stempel auf dem Mundstück zeigt Notenlinien mit einem G-Schlüssel bzw. Violinschlüssel.

Auf einem anderen Okarinamodell erkennt man die Andeutung von silbrig hervorgehobenen Saxophon-Klappen. Das Modell wird als eine Hommage an die Jazzmusik interpretiert. Es trägt einen runden, golden bemalten Cesari-Stempel und den Schriftzug S.REMO.
Sehr interessant sind verschiedene Okarinamodelle mit runden, teilweise kaminartig hoch gezogenen Öffnungen, die mit Korken verschlossen wurden. Die Korken dienten als Stimmvorrichtung.

Einen kompletten von Cesari gebauten Okarinasatz für das Spiel im Quintett oder Septett, habe ich bislang leider noch nicht gesehen. Jedoch ist anzunehmen, dass er zumindest Quintette herstellte. Denn in der Sammlung meines Okarinafreundes Zijun Luo befindet sich unter anderem eine dicke Do5 Ocarina von Emilio Cesari und im Okarinamuseum von Johann Rotter befand sich eine Sol und eine Do. Den Proportionen nach zu urteilen waren das eine Sol2 und eine Do1.
In Facebook bot vor einigen Monaten eine Italienerin eine Cesari in gleicher Form an, die mit MI markiert ist. Dem Größenverhältnis zwischen Hand und Okarina nach zu urteilen hat diese eine Stimmlage zwischen Sol2 und Do3. Dieses Instrument ist ein Beleg dafür, dass Cesari dem Trend folgte, nicht nur Do1 Sol2 Do3 Sol4 Do5 ... anzubieten, sondern auch Zwischenstimmen wie z.B. Okarinas in Es.

 

Sammlerwert?
Diese Cesari-Okarina ist in einem neuwertigen Zustand erhalten. Das ist bemerkenswert, weil die dünne Lasur bei häufigem Gebrauch abgenutzt werden kann. Der erzielbare Preis hängt jedoch stets davon ab, ob sich überhaupt Käufer finden. Wie häufig solche Okarinas im weltweiten Netz zu finden sind, ist schwer zu sagen, da viele Verkaufsanzeigen nach Handelsabschluss gelöscht werden.

Aktuell fördert die Suche nur wenige Exemplare zutage. Das mag auch daran liegen, dass nicht immer erkannt wird, wer die abgebildete Okarina gebaut hat. 2018 sah ich in der Vitrine eines Sammlers zwei Cesari Okarinas, die fälschlicherweise Cesare Vicinelli zugeschrieben worden waren. Schlecht zu entziffernde Stempel führen wegen der Ähnlichkeit der Namen leicht zu Verwechslungen. Die bei CESARI verdrehte Reihenfolge von Vor- und Nachname  erhöht die Gefahr der Verwechslung.

 

Linksammlung

 

Fabio Galliani

- seine Webseite: https://en.ocarinafabio.com/

- Mitglied der Gruppo Ocarinistico Budriese (GOB) http://www.gobitalia.it/

 

Ocarinamuseum in Budrio

https://www.comune.budrio.bo.it
https://budriowelcome.it/museo-dellocarina/