Meissen-Okarina mit Stimmzug

 

 

Heute ist weder Weihnachten, noch habe ich Geburtstag. Dennoch fühlte es sich heute Morgen an, als wäre beides gleichzeitig. :-)

 

Der Grund war ein Päckchen, auf das ich die letzten Tage gewartet hatte. Darin steckte eine wunderbare, vermutlich etwa 100 Jahre alte Schönheit: Eine Meissen-Okarina.

Sie ist nicht nur mit dem berühmten Zwiebelmuster von Teichert dekoriert. Neben der Markierung der Stimmhöhe 8A ist auch der Schriftzug MEISSEN eingestempelt.

 

 

Was ist das für eine Okarina?

Meissen-Okarinas tauchen immer wieder im Internet auf. Die Beschreibung der Herkunft ist meistens dürftig. Wenn keine Stempel gezeigt werden, ist die Größenangabe der einzige ungefähre Anhaltspunkt dafür, in welchem Bereich die Stimmhöhe ungefähr sein könnte.

Die Markierungen (Stimmhöhe, Meissen-Stempel oder gemalter Schriftzug) variieren. Der Schriftzug "Meissen" kann auch fehlen. Ob dieser Wandel nun im Laufe der Zeit in den Teichert-Werken entstand oder auf andere Porzellanhersteller hindeutet, die möglicherweise eine Lizenz für die Verwendung des beliebten Dekors erwarben, konnte ich bislang nicht ergründen.

 

Die Meissen-Okarinas gehören zur Gruppe der Transverse bzw. Travers Okarinas mit 10 Grifflöchern. Sie funktioniert mit dem italienischen/europäischen Griffsystem. Eine alte, originale Grifftabelle der Meissen-Okarinas habe ich noch nicht gesehen.

 

Wie lässt sich die Meissen-Okarina spielen?

Der Ruf der Meissen-Okarinas ist nicht besonders gut. Man sagt ihnen nach, dass sie nur dürftig intoniert seien. Deshalb bin ich sehr gespannt, wie große Okarina klingt, wenn ich sie gereinigt und den losen Stimmzug neu eingepasst habe.

 

Mit der ersten Meissen-Okarina, eine 5D ohne Stimmzug, bin ich ganz zufrieden. Sie lässt sich gut spielen und klingt bis zum obersten Ton hinauf ganz ordentlich. Rauschig ist sie. Das kann man mögen oder auch nicht. Und man muss sich damit abfinden, dass zwar D drauf steht, aber Es heraus kommt, wenn man sie mit einem Blasdruck spielt, der die Töne stabil werden lässt. Man kann sie auch in D spielen. Aber dann muss man sehr aufpassen, dass die Töne nicht zittrig werden und die Intonation nicht daneben geht.

 

Nun war ich sehr gespannt, wie sich die große Meissen-Okarina spielen lassen würde.

 

Größenvergleich von 8A mit Stimmzug und 5D ohne Stimmzug.

Plug And Play?

Noch nicht.

 

Was gibt es zu tun?

Der Stimmzug der 8A muss neu eingepasst werden. Dafür muss ich zwei neue Dichtungen suchen. Die alten sind verschwunden. Die hat wohl der Zahn der Zeit aufgeknabbert. :-)

Winzige Gummireste an Ring und Okarinaöffnung zeigen an, welches Material zwischen Porzellan und Metall saß. Den Metallring möchte ich so in der Okarinaöffnung befestigen, dass er jederzeit zum Reinigen der Okarina problemlos entfernt werden kann.

 

Ein weiterer Dichtungsring sorgte früher dafür, dass der Zylinder ohne zu wackeln im Ring saß. Für diese Dichtung benötige ich einen Korkstreifen, wie man ihn im Flötenbau verwendet.

Vorher darf ich dem Kolben sicher noch etwas Fett gönnen, damit er ein wenig besser durch den Zylinder gleitet.

 

Eine kleine Überraschung...

... erwartete mich, als ich den Innenraum der Okarina inspizierte.

Nimmt man den Stimmzug aus der Öffnung, kann man ins Innere der Okarina fotografieren. Beim Betrachten der Bilder dann die große Überraschung:

Auf dem Bildschirm entdeckte ich in der Spitze der Okarina ein kleines Stück (ehemals) weißes Gewebe. Es scheint dort gezielt eingeklebt worden zu sein. (*1) Rechts sieht man auf dem vergrößerten Bildausschnitt das Griffloch des rechten kleinen Fingers. Der Durchmesser der verschlossenen Spitze erscheint mir deutlich größer als das Griffloch. Aufgrund dieser Entdeckung frage ich mich jetzt, was wohl passiert, wenn ich diese Okarina mit derselben Methode reinige, wie zuvor die 5D.

 

Reinigen muss ich sie auf jeden Fall, auch wenn sich die Verschmutzung in Grenzen hält. Denn der schwarze Belag im Mundstück ist nicht besonders appetitlich. Und die schwarzen Punkte auf dem Stoffstückchen gefallen mir auch nicht. Antik hin oder her, die Patina muss weg.

 

Einweichen und grünlich ausschwenken reicht da meiner Erfahrung nach nicht. Hat die Okarina ein großes Loch für den Stimmzug, kommt man dort mit einer Flaschenbürste hinein. Fehlt diese Option, bleibt eigentlich nur der Dampfreiniger.

 

(*1) Diese Meinung habe ich später revidiert. Siehe weiterer Berichtsverlauf

 

 

Die Reinigung der Porzellan-Okarina ...

... ist unproblematisch, wenn man alle Metallteile entfernt.

In die kleine 5D Okarina träufelte ich ein paar Tropfen Geschirrspülmittel und legte das Porzellaninstrument dann in eine Schale warmes Wasser.

Ein paar Stunden später spritzte ich sie mit einem Dampfreiniger aus. (Auf die Hände aufpassen !!!  Verbrühungsgefahr !!! )

Zuerst arbeitete ich nur mit kurzen Dampfstößen, damit sich die Okarina nicht zu schnell erhitzt und die Wärme Zeit hat, sich im Porzellan zu verteilen. Wenn man dabei zu eilig ist, kann es im Material zu Spannungen kommen und dann springt die Okarina entzwei! Arbeitet man beim Ausspritzen aber langsam und vorsichtig, lässt sich die Okarina sehr gut mit Seifenwasser und einem Dampfgerät reinigen.

 

 

Ich bin sehr gespannt, wie ich das jetzt mit der neuen, großen Okarina hin bekomme ...

 

 *******************

 

20.5.2017

Instandsetzung

 

Reinigung

Allen Bedenken zum Trotz habe ich die große Okarina jetzt erst einmal ins Badewasser gesteckt. Und da es der Kleinen nicht schaden kann, leistet sie der großen Okarina Gesellschaft.

Vorher:

Ein Blick auf den Kernspalt. Kein schöner Anblick der schwarze Belag.

Das ist das große Loch, in das der Stimmzug eingesetzt werden muss. Das Sonnenlicht fällt durch die Öffnung auf die Kante des linken Daumenlochs.

 

Nachher:

Nach dem Einweichen habe ich erst einmal mein Glück mit der Flaschenbürste probiert. Die passte mühelos durch das große Loch. Das Dampfgerät konnte ich mir also sparen. Der kleine Stoffsteifen hat sich durch das Einweichen gelöst und ließ sich heraus spülen. Ein paar mal spülen, bürsten, spülen, bürsten ... und dann war die hübsche Okarina auch von innen wieder hübsch. :-)

 

Stimmzug

Den Stimmzug rieb ich lediglich ganz sanft mit einem trockenen, weichen Tuch ab und zog dann einmal mit dem Fettstift über den Kolben.

Stimmzug montieren

Zum Befestigen und Eindichten des Stimmzuges fand ich geeignetes Material in meiner Bastelkiste: dünnes Moosgummi

Davon schnitt ich zwei kleine Streifen ab.

Maß: ca 7mm x 50mm bzw. 57mm

 

Das Moosgummi zwischen Ring und Zylinder zu stopfen war etwas kniffelig. Aber mit etwas Geduld hat es dann schließlich sehr gut geklappt. Mein stabiler Daumennagel war dafür das perfekte Werkzeug. :-)

 

Dieser Ring, man kann ihn auch Krone nennen, sorgt mit seiner nach außen gebogenen Kante dafür, dass der Stimmzug nicht in die Okarina hinein fällt. Außerdem verdeckt der überstehende Rand die Dichtung.

 

Den Stimmzug in die Okarinaöffnung einsetzen, war ganz leicht, da die Dicke des Moosgummis genau passte.

 

Noch ein kleines Stück weiter hinein schieben. ...

Nun sitzt der Stimmzug wieder ordnungsgemäß in der Okarina. Vom Moosgummi ist nichts mehr zu sehen. Als ich das Ergebnis betrachtete, wurde mir auch klar, warum der Rand des Rings ein ganz klein wenig wellig ist. Da hat der Ring wohl mal zu fest gesessen und jemand hat versucht, ihn aufzuhebeln.

 

 

Und wie lässt sie sich spielen? Wie klingt sie?

Im ersten Moment bekam ich einen Schreck, als ich die große Meissen anspielte. Vom ersten zum zweiten Ton ein Terzsprung? Was sollte das denn?

Ein Blick auf das Stimmgerät machte schnell klar, was es damit auf sich hat. Für den Grundton muss man etwas kräftiger blasen. Bei weichem Blasdruck erreicht man sehr leicht und sauber die einen Halbton tiefer liegende tiefe 7. Stufe.

Spielt man den Schritt von der 1. zur 2. Stufe muss man den Blasdruck etwas weg nehmen und dann die Tonleiter mit zunächst wenig und dann immer kräftiger ansteigendem Blasdruck weiter spielen. Dieser Druckwechsel von der 1. zur 2. Stufe ist etwas gewöhnungsbedürftig.

Der für die 4. Stufe benötigte Blasdruck ist ähnlich stark wie der für den Grundton.

Die obersten Töne brauchen einen sehr kräftigen Blasdruck, so wie ich das von den Forte-Okarinas der Firma Stein kenne. Wenn die Okarina kalt ist, erreiche ich den obersten Ton nicht. Doch sobald die Okarina angewärmt ist, funktionieren die hohen Töne gut und klingen auch schön.

 

Fazit

- Keine Anfänger-Okarina.

- Ohne ein gut trainiertes Gehör wird man mit dem Grundton Probleme haben.

- man muss sich auf eine eigenwillige Druckkurve einstellen

 

Mir macht das Instrument Spaß. :-)

Mal sehen, wie lange es dauert, bis ich mich an die Druckkurve gewöhnt habe.

 

 

25.5.2017

Nachtrag - Der rätselhafte Stoffstreifen

 

Immer wieder habe ich mich gefragt, was es wohl mit dem Stoffstreifen auf sich hatte, der in der Okarina lag.

 

Gestern, als ich mit einer Schülerin über die Instandsetzung der Okarina sprach, kam mir ein Gedanke, der mir am plausibelsten erscheint:

Der längs gefaltete Stoffstreifen muss zwischen Zylinder und Ring gesteckt haben, dort, wo ich mit viel Geduld einen Moosgummistreifen hinein geschoben habe. Ich habe den Stoffstreifen nicht exakt vermessen, aber ich erinnere, dass seine Maße in etwa dem des Moosgummistreifens entsprachen.

 

Wenn man bedenkt, dass Gummi durch Alterung hart und spröde wird, in dem engen Zwischenraum zwischen Zylinder und Ring aber keinerlei Rückstände irgendeines Materials zu sehen waren, dann erscheint es mir doch sehr naheliegend, dass der Stoffstreifen in diesen Zwischenraum gesteckt hat, um die beiden Teile zu stabilisieren.

Da ich nicht weiß, wie sich Moosgummi durch Alterung verändert und ich nicht riskieren will, dass es in dem engen Zwischenraum verhärtet, werde ich es bei Gelegenheit gegen einen passenden Stoffstreifen austauschen.