7-Loch Muschel - Eine Ocarina aus der Werkstatt Rotter

August 2015

(c) E. Stennes-Falter

Vor ein paar Tagen habe ich mir mal die Piccolo Muschel Okarina aus meiner Okarinasammlung heraus gesucht und meine Eindrücke beim Musizieren festgehalten.

Bevor ich darauf im Detail eingehe, schicke ich wieder einige allgemeine Informationen voraus.

Stimmsystem

In der Ocarinawerkstatt von Johann Rotter werden Instrumente mit unterschiedlichen Stimmsystemen gefertigt. Neben Traversokarinas (Konzertokarinas) sind auch 4-Loch und 7-Loch Instrumente im Repertoire, die in gerader, symmetrischer Haltung gespielt werden. Das Griffsystem ist das sogenannte "Inline System".

In diesem Bericht geht es um die 7-Loch Okarinas, die mit dem linearen Griffsystem einen ganz intuitiven Zugang zum Instrument ermöglichen. Wenn man die Grifflöcher zuerst mit der rechten Hand beginnend der Reihe nach von unten nach oben öffnet, ergibt sich die  von vielen Kinder- und Volksliedern vertraute Dur-Tonleiter von ganz allein. Sind alle Grifflöcher der rechten Hand geöffnet, folgt die linke Hand auf dieselbe Weise.

So ein einfaches Griffsystem sorgt für schnelle Erfolgserlebnisse, die Einsteiger ganz gleich welchen Alters ermutigen, immer mehr auszuprobieren.

Formvariationen

Diese 7-Loch-Okarinas werden in verschiedenen Tierformen (zur Zeit sind es Schweinchen und Schildkröte) und in Muschel-Form gebaut.

Meine Piccolo-Muschel - Beschreibung der Verarbeitung

Die Muschel ist aus weißer Keramik.

Die Einfärbung erfolgt mit Engobe.

Die Oberseite der Muschel ist glasiert und dementsprechend glatt. Sie hat einen seidigen Glanz. Die Glasur fühlt sich sehr angenehm an und die Farben sind sehr schön anzusehen.

Die Unterseite ist unglasiert, dadurch leicht rauh und demzufolge sehr griffig. Die rauhe Oberfläche sorgt dafür, dass die Okarina nicht so leicht von den Fingern abrutscht und gibt auf diese Weise Halt.

 

Da die Engobe-Farben beim Brennen des Tons mit diesem eine feste Verbindung eingehen, lässt sich die Flöte problemlos abwaschen, wenn sie mal klebrig geworden ist.

 

Die anderen Muscheln und Schildkröten sind im Prinzip genauso verarbeitet. Nur das Schweinchen besteht aus roter Terrakotta.

 

7-Loch Muschel Piccolo von Johann Rotter ocarinamusic

Stimmlagen

Muschel und Schildkröte gibt es in verschiedenen Stimmlagen.

In dieser tabellarischen Übersicht lassen sich die verschiedenen Stimmungen und Tonräume vergleichen.

Okarina Tonraum Tonart Stimmlage Größe
Muschel Piccolo  h2 ... c4  C-Dur  Piccolo   6 cm
         
Muschel Sopran  fis2 ... g3  G-Dur  Sopran   8 cm
Schildkröte Sopran  fis2 ... g3  G-Dur  Sopran   9 cm





Muschel Alt  h1 ... c3  C-Dur  Alt  10 cm
Schildkröte Alt  h1 ... c3  C-Dur  Alt  12 cm





Muschel Tenor
 fis1 ... g2
 G-Dur
 Tenor
 12 cm
Schweinchen Tenor  fis1 ... g2  G-Dur  Tenor  13,5 cm





Muschel Bass
 h ... c2
 C-Dur
 Bass
 17 cm





Muschel Kontrabass
 fis ... g1
 G-Dur
 Kontrabass  21 cm

 

Auswahl der Stimmlage

Die Auswahl der Stimmlage hängt von mehreren Gesichtspunkten ab.

1. Klang / Tonhöhe

2. Größe der Hände

 

Meine Piccolo ist z.B. wegen der nah zusammenliegenden Grifflöcher nur für kleine bis mittlere Hände geeignet.

 

Mit dem hellen, durchdringenden Klang von Piccolo und Sopran setzt man in einer Band brilliante Oberlinien.

Im Ensemblespiel präsentieren Alt- und Tenor-Ocarinen oftmals die weicheren Mittelstimmen, eignen sich aber auch sehr gut unisono oder begleitet (z.B. mit Gitarre) als Melodieinstrumente.

Anfänger, die mit ihrem Spiel nicht unbedingt die ganze Nachbarschaft unterhalten wollen, werden die größeren Instrumente den kleinen wegen ihrem weichen Klang vorziehen.

Außerdem fällt Anfängern der Einstieg ins Okarinaspiel am leichtesten, wenn das Instrument so zur Größe der Hände passt, dass die Finger leicht gespreizt auf den Grifflöchern liegen und das Instrument mit entspannten Händen gehalten werden kann.

Für Kinder sind erfahrungsgemäß die Sopran- und Alt-Instrumente gut geeignet.

Erwachsene kommen je nach Größe der Hände oftmals am besten mit Alt- und Tenor-Instrumenten zurecht.

 

 

Anordnung der Grifflöcher

Ein Griffloch befindet sich auf der rechten Rückseite der Okarina. Die restlichen sechs Grifflöcher sind in zwei Dreier-Reihen auf der Oberseite der Okarina angeordnet. 

 

7-Finger/7-Loch-System von Hans Rotter

 

Die 7-Loch-Ocarinas von Rotter werden mit 7 Fingern gespielt. Das rückständige Loch wird vom rechten Daumen abgedeckt. Die kleinen Finger bleiben beide frei. Sie stützen die Okarina.


 

Grifftabelle für 7-Loch-Okarina von Rotter
Grifftabelle für 7-Loch-Okarina von Rotter

Die Haltung der Piccolo-Muschel

Die aus Ton gefertigte Muschelform lässt sich mit ein wenig Übung trotz des kleinen Formats gut zwischen den Fingern ausbalancieren.

 

Der linke Daumen stützt die Ocarina auf der Rückseite. Ich empfinde es bei meiner Piccolo für die Balance von Vorteil, wenn der Daumen Richtung Mitte geschoben wird. Der linke und rechte kleine Finger stützt die Muschel neben der Kordelsöse an der unteren Kante. Den rechten kleinen Finger lege ich im Bereich der Kordel-Öse auch gerne unter das Instrument.

Mit dieser Haltung ist es möglich, alle anderen Finger von der Ocarina abzuheben.

 

Die optimale Balance muss jeder für sich zu seiner Hand passend herausfinden.

 

Intonation

Die Piccolo-Muschel spricht durchgehend auf mittleren Blasdruck an.

Dadurch lassen sich die biegsamen Töne gut treffen.

 

Die Instrumente sind sehr gut gestimmt. Dadurch sind sie für das Musizieren in der Gruppe geeignet.

 

Die Feinstimmung erfolgt während der Fertigung durch Bohren eines Stimmlochs in der Nähe des Kordeldurchzugs.

Möchte man die Grundstimmung der Okarina senken, erreicht man dies durch Abdecken des Stimmlochs.

Noten für die 7-Loch-Okarina

Für die 7-Loch-Okarinas ist bei ocarinamusic eine Notenheftserie erhältlich. Die Notation der Melodien ist auf den Tonraum der C-Instrumente abgestimmt. Sie können aber auch von den G-Instrumenten gespielt werden. Dann klingen die Melodien transponiert.


Für meine Schüler habe ich methodisch geordnetes Notenmaterial mit etwas anderem Layout der Griffschrift zusammengestellt. Wenn Sie daran Interesse haben, schicken Sie mir am besten eine Mail.

Tipps zum Üben

Für diejenigen, die noch nie eine Flöte in der Hand hatten, ist das Griffsystem der 7-Loch-Okarinas von Rotter am einfachsten zu lernen.

 

Wer bereits andere Flöten spielt und an andere Griffsysteme gewöhnt ist, muss zu Beginn sehr aufmerksam die Unterschiede zu den bereits automatisierten Griffolgen erarbeiten. Wenn man das gewissenhaft macht, wird man auch mit diesem System sehr schnell vertraut.

 

Was hat mich als Blockflötenspieler und Pendant-Ocarina-Spieler am Anfang irritiert?

Position und Aufgabe des rechten Daumenlochs!

Aber - um das mal gleich vorweg zu nehmen - die Probleme waren ziemlich schnell vergessen, nachdem ich mich ein paar Mal ganz gezielt mit dieser ungewohnten Spielweise auseinander gesetzt und dann regelmäßig geübt hatte.

 

Was ist zu beachten?

1. Auf der Blockflöte ist es Aufgabe des rechten Daumens, das Instrument zu stützen und der linke Daumen spielt mit. Bei dieser Okarina ist es genau umgekehrt.

 

2. Dadurch, dass das rechte Daumenloch in der Mitte der Tonleiter geöffnet/geschlossen werden muss, ist der rechte Daumen sehr häufig innerhalb von Läufen und Sprungfolgen gefordert. Das ist bei Pendant und Travers Okarinas ganz anders. Da werden die Daumen erst am oberen Ende der Skala in das Spiel einbezogen.

 

 

Übungshilfen

 

1. Tonleitertraining / Sprunkettentraining

Die kleine Flöte umhängen und überall hin "mitschleppen". Wenn man gerade mal ein paar Minuten Zeit hat, eine beliebige Fingerfolge ganz langsam und bewusst immer und immer wieder üben. (schnell kommt später von allein) Die Übung muss so langsam sein, dass sie fehlerfrei funktioniert. Ist man zu ungeduldig und übt schnell und holperig, übt man diesen holperigen Bewegungsablauf ein und wird nie fehlerfrei spielen lernen.

 

2. Griffbildnotation in Kombination mit ganz normalen Noten.

Für mich ist das der Schlüssel zum schnellen Erfolg.

Die Noten lese ich, als Unterstützung für das innere Hören, also dem Voraushören der zu spielenden Musik. Die Griffschrift unterstützt die Ausbildung der Verknüpfung von Hören, Notenlesen und Greifen. Ohne sie bekomme ich die Finger nur schwer aus den in Jahrzehnten gefestigten Blockflöten-Griffe-Automatismen herausgelöst. Die Griffschrift verhindert obendrein, dass ich mit den verschiedenen Okarina-Griffsystemen durcheinander komme.

Irgendwie nehme ich Noten und Griffschrift meistens gleichzeitig und als Einheit wahr, so wie man ja auch beim Klavierspielen und Orgelspielen mehrere Notenreihen inclusive Fingersatz gleichzeitig liest. Nach einer Weile des Übens sehe ich die verschiedenen Notenreihen als Gesamtbild. Zusammen mit dem, was ich höre und erinnere, steuert die visuelle Wahrnehmung auf geheimnisvolle Weise das Tun meiner Hände, ohne dass ich noch im Detail darüber nachdenke, was ich da eigentlich sehe.

Bevor dieses Stadium erreicht ist, muss man natürlich einige Zeit die Koordination von Lesen und Greifen üben.

 

Noten und Griffschrift müssen so groß sein, dass sie mühelos und schnell gelesen werden können. Wenn man mit einer Griffschrift aus irgendeinem Grund nicht klar kommt, macht es Sinn, mit eigenen Griffsymbolen zu experimentieren.

Ich bevorzuge z.B. eine Griffschrift, bei der der rechte Daumen unter der rechten Fingerreihe dargestellt wird. Meine Hände reagieren auf diese Darstellungsform sicherer, weil ich dieses Darstellungsprinzip auch für andere Griffsysteme benutze.

 

Intonationshilfen

Beim Zusammenspiel mit anderen Instrumenten übt man, die auf der Okarina geblasenen Töne Vergleichstönen anzupassen.

Beim Unisonospiel muss man hören lernen, die im Melodieablauf zu spielenden Intervalle richtig zu treffen.

Geeignete Lernhilfen sind Melodien mit langgezogenen Tönen, die auf einem Instrument mit stabiler Stimmung begleitet werden. Wenn nicht gehört werden kann, ob die Anpassung an einen Referenzton stimmt, übt man mit einem Stimmgerät die Tonhöhe zu beobachten und auf eine bestimmte Höhe zu bringen.

Das Korg Orchesterstimmgerät OT120 hat eine Sound Back Funktion, die den gespielten Ton analysiert und dann die diesem Ton am nächsten liegende korrekte Tonhöhe vorspielt. Gleichzeitig wird die gemessene Tonhöhe angezeigt.

 

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